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Muscatella Leonhard nahm sich einen ganzen Tag frei, denn das, so dachte er, schuldete er Grasbach. Wenn man sich fast zehn Jahre lang jeden Tag gegenüber gesessen hat, beginnt man, sich Dinge zu schulden. Man kennt jede Falte und jede Unebenheit im Gesicht des anderen, jede Nuance der Genervtheit, die die Stimme beim Telefonieren annehmen kann. An der Stimme kann man schließlich sogar erkennen, mit wem das Gegenüber telefoniert. Es kamen noch einige andere, die dachten, Grasbach etwas zu schulden, zumindest aber das hier, den letzten Gang zur letzten Ruhe. Aus der Firma war Leonhard der einzige, nicht einmal die Frau Schneider war gekommen, nicht einmal ein Gesteck vom Vorstand. All die Jahre, und dann nicht einmal ein Gesteck, als nähme man ihm noch immer die Fehlzeiten übel. Gut, dachte Leonhard, daß wenigstens ich gekommen bin. Seine Freunde vom Bach-Chor sangen ihm ein Requiem, etwas dünn in der Baßstimme, denn Grasbach hatte in den letzten Jahren die tiefe Lage mit seinem Lungenvolumen erfüllt und Ersatz war noch nicht gefunden. Kurz dachte Leonhard, wie schön es ist, wenn ein Bach-Chor für einen singt, wenn man schon unter die Erde muß, und er spielte ebenso kurz mit dem Gedanken, allein zu diesem Zweck in einen Chor einzutreten. Seine Lunge war es nicht, die Grasbach umgebracht hatte, trotz der Zigarillos nicht; es war sein Kopf gewesen. Sein Kopf hatte sich gegen ihn gewandt und bösartige Zellen gebildet und schließlich den Restkörper damit verseucht. Früher hatte man über ihn gesagt, er sei ein brillianter Kopf, aber das kann man nun nicht mehr sagen, dachte Leonhard. Grasbachs Kopf war endgültig in Mißkredit geraten. Er lief über den schlammigen Boden auf das Loch zu, in dem Grasbach lag, warf das mickrige Blumenbündel in die Grube, tat kurz so, als bete er oder kontempliere, tat auf jeden Fall so, als stünde er gedankenschwer hier am Grabesrand, starrte aber nur leer vor sich hin und hinein in das Loch, den Blumen hinterher auf den Deckel des Sargs und ging schließlich, als eine für ein Gebet glaubwürdige Zeit verstrichen war, zur anderen Seite weg. Auf der anderen Seite stand auch die Witwe mit ihrem Hut und einem richtigen Witwenschleier. Grasbach hat Glück, dachte Leonhard, einen Bach-Chor und eine Witwe mit richtigem Witwenschleier, eine solche Beerdigung kann man sich nur wünschen. Er erkannte Grasbachs Frau, ihr Photo hatte jahrelang auf dem Schreibtisch ihm gegenüber gestanden, er streckte die Hand aus und sie ergriff die seine. Er überlegte, wie der Kondolenz-Standardsatz für solche Gelegenheiten lautete, schließlich sagte er einfach: Es tut mir leid. Sie sagte: Danke. Sind Sie nicht aus dem Betrieb? Leonhard, sagte Leonhard. Ah, sagte sie, ich habe schon viel von Ihnen gehört. Ich auch von ihnen, sagte Leonhard verlegen. Kommen Sie auch zum Leichenschmaus? fragte sie. Warum er einwilligte, läßt sich im Nachhinein nicht mehr klären. Eine undurchsichtige Gemengelage aus dem bereits erwähnten diffusen Schuldgefühl, Hunger und Neugier trieb ihn zusammen mit den anderen Trauergästen in die Gaststube der Pension Hubertus, die hier am Ort einen vorzüglichen Ruf für ihre Wildspezialitäten genoß. Entsprechend wild fiel die Einrichtung des Hauses aus: Dunkle Balken unterteilten Wände und Decken quadratmeterweise, gläserne Rehaugen glotzten starr vor sich hin, verstaubtes Geflügel klammerte sich an Äste, die in Nischen und Vorsprüngen festgedübelt waren. Acht- und Zehnender bedeckten die Wandflächen dutzendweise, Zwölf- und Vierzehnender hingen, wie es ihrer Position als Alphatiere entsprach, der Tischordnung gemäß an den Stirnseiten. Wie diese Tiere in freier Wildbahn gehaust hatten, konnte man mehreren nachgedunkelten Ölgemälden entnehmen, auf denen prächtige Hirsche ihr Revier und den damit verbundenen Harem behaupteten. Eine lange Tafel, mit rotweiß kariertem Tuch eingedeckt, war für zwölf Uhr dreißig reserviert. Leonhard zog einen der hölzernen Stühle zurück, in deren Rückenlehne eine herzförmige Aussparung eingesägt war, und fand sich inmitten ihm unbekannter Verwandtschaft wieder. Tanten murmelten mit bedeckter Stimme vor sich hin, Kinder (ihre festliche Aufmachung und nicht unterdrückte Lebhaftigkeit in seltsamem Gegensatz) wollten das Fasanengehege hinterm Haus sehen und die Witwe diskutierte kurz mit dem Oberkellner. Dann kam sie auf den Tisch zu, hängte Hut und Mantel an den Garderobenständer und nahm Leonhard gegenüber Platz. Sie hatte sich kein Trauerkleid gekauft. Sie besaß ein mit schrägen Nähten geschnittenes Kleid aus Satin, das sie oft getragen hatte, wenn sie in die Oper ging. In letzter Zeit war sie nicht mehr oft in die Oper gegangen, sie saß zu Hause und dachte nach. Sie überprüfte ihr rationales Weltbild dahingehend, ob es sehr wahrscheinlich ist, daß jemand wirklich stirbt, wenn man ihm den Tod an den Hals wünscht. Leonhard fühlte sich unbehaglich. Wenn wenigstens Frau Schneider hier wäre, aber die Tatsache, daß niemand aus der Firma hier war, ließ ihn allein unter fremden Familienangehörigen zurück. Er konnte schon mit der eigenen Familie nicht viel anfangen, über was also sollte er sich mit einer fremden unterhalten? Herr Leonhard, sagte die Witwe. Schön, daß Sie doch noch gekommen sind. Ich habe schon befürchtet, Sie fühlen sich unbehaglich unter soviel fremder Verwandtschaft. Nein, gar nicht, sagte Leonhard. Es ist schön hier. Er ließ seinen Blick über den stacheligen Geweihwald schweifen, der das obere Drittel des Raumes einnahm. Die älteren Herrschaften mögen das Hubertus, sagte die Witwe, dabei verzog sich ihr rechter Mundwinkel ein klein wenig nach schräg oben. Und Sie? fragte Leonhard. Und ich? Sie sah ihn überrascht an. Das Fleisch ist hier immer sehr frisch. Den Fasan kann ich sehr empfehlen, fügte sie hinzu, als sie sah, wie Leonhard etwas hilflos auf die Speisekarte starrte. Dann nehme ich den Fasan, sagte er, hörte aber nicht auf, hilflos auf die Speisekarte zu starren. Suchen Sie einen Wein? fragte die Witwe. Ach so, sagte Leonhard. Ja, ich suche einen Wein. Offen? Oder möchten Sie sich eine Flasche teilen? Es gibt da einen, der paßt zum Geflügel, möchten Sie, daß ich Ihnen einen bestelle? Sie sind sehr zuvorkommend, Frau Grasbach, sagte Leonhard. Danke. Dann teilen wir uns doch eine Flasche. Jetzt wäre der Moment, in dem Frau Grasbach ihm eigentlich anbieten müßte, das förmliche Frau Grasbach doch sein zu lassen, um irgendeinen peinlichen Vornamen zu offenbaren, den man sich nicht in sexuellem Kontext gestöhnt vorstellen konnte. Elfriede, oder Ingeborg. Leonhard sah von seiner Speisekarte auf und auf Frau Grasbachs Lippen, um den schrecklichen Moment, in dem sie ihren Vornamen offenbaren würde, durch den optischen Eindruck ihres Mundes innerlich abzufedern. Aber sie drehte sich weg und sprach nicht mit ihm, sie sprach nun mit dem Kellner und bestellte den Wein, ihre Lippen formten nicht Irmgard und nicht Adelheid, sie sagte: Muscatella. Muscatella Grasbach, ein schöner Name wäre das, dachte Leonhard, das klingt wie eine Mischung aus Tarantella und Mazurka, mit einem Schuß Tarantel, eine tanzende Schwarze Witwe aus dem Süden. Sehr wohl, sagte der Kellner, und sehr wohl, dachte Leonhard, würde ich sagen, wenn man mich fragte, wie ich mich jetzt fühle. Die Schwarze Witwe wandte sich ihm wieder zu. Wie lange kannten Sie meinen Mann eigentlich? fragte sie. Fast zehn Jahre. Und immer am Schreibtisch mir gegenüber. Dann kannten Sie ihn gut? Ja. Ich denke schon. Frau Schneider und ich kannten ihn am besten. Sie kam immer bei uns vorbei zum Klönen. Ich wundere mich, daß sie heute nicht da ist. Wenn Frau Schneider heute aufgetaucht wäre, sagte die Witwe ruhig, hätte ich sie eigenhändig zur Friedhofspforte hinausgeprügelt. Oh, machte Leonhard. Es entstand eine Pause. Er starrte nun verlegen auf den Tisch, die Speisekarten hatte der Kellner vorhin eingesammelt, und schätzte die Karos der Tischdecke auf genau Nullkommasieben Millimeter. Er hätte gern ein Geodreieck dabeigehabt, um seinen Schätzwert nachzuprüfen. Aber sie ist ja nicht aufgetaucht, nicht? sagte die Witwe, und bemühte sich, ihrer Stimme einen erleichterten, fast fröhlichen Unterton zu geben, als wären dadurch, daß Frau Schneider heute nicht da war, alle Probleme beseitigt. Nach einer weiteren kurzen Pause erschien der Kellner wieder, zeigte der Witwe das Etikett der Flasche und machte sich ans entkorken. Er schenkte ihr einen goldgelb schwappenden Schluck ein, sie zeigte auf Leonhards Glas, auch er bekam einen Schluck und gemeinsam probierten sie den Muskateller. Schade, dachte Leonhard, daß man beim Probieren nicht anstößt. Sie nickten sich zu, und meinten doch nicht sich, sondern den Wein, der nun endgültig am Tisch verbleiben durfte. Muscatella wäre ein schöner Name, wagte Leonhard sich mit seiner Theorie vor. Für ein Mädchen oder einen Jungen? fragte die Witwe. Für einen Mann oder eine Frau. Ich weiß nicht. Muscatella kommt von musca, Fliege, sagte die Witwe. Weil er mit seinem süßen Geruch die Fliegen anzieht. Ernähren sich Schwarze Witwen nicht von Fliegen? dachte Leonhard und fragte: Sie kennen sich mit Wein aus? Nein, ich singe nur gern, wie mein Mann, mein verstorbener Mann. So haben wir uns auch kennengelernt, im Chor. Es gibt ein altes Trinklied, sagte sie, kommen Sie etwas näher, und sie winkte ihn mit der Hand zu sich. Ihre Köpfe trafen sich in der Mitte des Tisches, dann näherte sich ihr Mund seinem Ohr und sie sang leise Quam habeo carissimam, Est in cauponae cella, Ex ligno habet tunicam, Est uva muscatella Der Muskateller hat eine Tunika an? fragte Leonhard verwirrt, die geistigen Relikte seines Schullateins zusammenkratzend. Ja, ex ligno, aus Holz. Ach so, lachte er, ein Faß. Und der Rest? Moment, ich hoffe, ich bekomme das noch zusammen. Sie konzentrierte sich, dann sagte sie langsam, manchmal stockend, aber vollständig den Text auf: Der liebste Buhle, den ich han, Der liegt beim Wirt im Keller; Er hat ein hölzins Röcklin an Und heißt der Muskateller. Er hat mich nächten trunken g'macht Und fröhlich heut den ganzen Tag, Gott geb ihm heint ein gute Nacht. Von diesem Buhlen, den ich mein', Will ich dir bald eins bringen; Es ist der allerbeste Wein, Macht lustig mich zu singen, Frischt mir das Blut, gibt freien Mut, Alls durch sein Kraft und Eigenschaft. Nun grüß ich dich, mein Rebensaft! Dann endlich stießen sie an, mit dem liebsten Buhlen im Glas, das Glas zum Mund, Aug in Aug, ein Duft nach Rosenblüte und ein Geschmack wie eine Blumenwiese im August. Der tote Herr Grasbach in seiner kalten Novembererde, begraben unter einem Berg allmählich faulender Treibhausnelken, war weit fortgerückt in ihren Köpfen. Die Verwandtschaft hielt sich an Pils (die Herren) und Apfelsaft (die Damen) fest, die ersten Beilagensalate schwebten von Kellnerhand auf ihre Positionen im Randbereich des Gedecks, aber auch davon ließen sich Leonhard und seine Muskatella Grasbach nicht ablenken, sie nahmen die Halbsätze nicht wahr, die sich die Familie tuschelnd zuwarf, hörten die Vermutungen nicht, die sie und ihn in eindeutiger Beziehung zueinander verorteten. Denn nichts ist so eindeutig, wie es aussieht. Der Fasan sah aus wie ein sehr dunkles, etwas mickriges Hühnchen. Dampfend lag er da auf seinem Teller mit den Jagdszenen, daneben schwammen hausgemachte Knödel in einer rot-braunen Soßenmelange, die sich aus Geflügelfond von rechts und Blaukrautsud von links zusammensetzte. Frau Grasbach hatte das Hirschgulasch bestellt, das von kleinen lamellenbesetzten Klumpen umgeben war, das waren die Waldpilze, und daneben häuften sich die Butterspätzle wie ungekämmte Spaghetti. Am Rande des Geschehens lag die Birne, zwei volle Fruchtfleischlippen, die einen süßen Klumpen Preiselbeergelee umschlossen. Sie schwiegen nun und aßen, dabei warf Leonhard immer wieder verstohlene Blicke zu ihr hinüber, sah sie an einem Pilz lutschen oder ein widerborstiges Spätzle aufgabeln. Sie stach gerade auf ein wehrloses Stockschwämmchen ein, als sie fragte: Sind sie mit meiner Empfehlung zufrieden? Was? Ach so, ja, vorzüglich. Der beste Fasan, den ich je gegessen habe. Wieviele haben Sie denn schon gegessen? fragte sie. Das Stockschwämmchen zitterte leicht mit seinem Stiel, als es in halber Höhe zwischen dem Gemetzel auf dem Teller und ihrer entblößten Zahnreihe hing. Ertappt, sagte Leonhard. Das ist mein erster. Sie entblößte nun auch ihr Zahnfleisch, als sie lachte. Warum sind wir uns bisher nie begegnet? fragte sie. Dann endlich erlöste sie das Stockschwämmchen, indem sie es mit einem ploppenden Geräusch in ihren Mund sog und seinen gummihaften Kopf zerkaute. Wenn ich noch länger auf ihren Mund starre, dachte Leonhard, aber ihm fiel keine Möglichkeit ein, wie der Satz weitergehen könnte. Wenn, wenn, wenn, dann. Dann kann man halt nichts machen. Dann soll es eben so sein. Und er nahm die Muskateller-Flasche, hielt sie hoch und fragte: Darf ich nachschenken? Als die Birnenlippen zerschnitten waren, vom Gulasch nur ein kleines braunes Pfützchen blieb und der letzte Pilz, eine Preiselbeere auf dem Kopf balancierend, in der Witwe Mund verschwunden war, nagte Leonhard noch an einem Schenkelknochen. Er war stillschweigend davon ausgegangen, daß es erlaubt war, beim Fasan ebenso wie beim Hähnchen die Finger zur Hilfe zu nehmen. Als er mit beiden Händen in eine Affäre aus Fleisch, Soße und Knochen verstrickt war, an deren anderem Ende seine Zähne die letzten Fleischflanken vom Knorpel zu trennen bemüht waren, spürte er einen leichten Druck in der Leistengegend. Zunächst dachte er sich nichts dabei und nagte tapfer weiter, bald jedoch wurde er gewahr, daß der Druck nicht von innen kam, sondern durch Fremdeinwirkung verursacht wurde. Es war ihm unmöglich, etwas zu tun. Er hatte beide Hände am tropfenden Fleisch; wenn er sie von dort wegbrachte, würde er sie zunächst säubern müssen, um sich nicht mit Bratensaft zu beschmutzen. Unter seiner Serviette jedoch tobte das Geschehen, weshalb er sie auf keinen Fall von dort wegbewegen durfte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten. Er nagte und nagte, bald war kein Fetzchen Fleisch mehr am Knochen, seine Hände tropften ein wenig, aber er lächelte und nagte und nagte und lächelte. Die Fremdeinwirkung in Form eines Witwenfußes verstärkte ihren Druck. Leonhard verdrehte die Augen. Sie nahm ihr Glas, schenkte sich den Rest nach und sagte: Wir werden noch Wein bestellen müssen. Ja, sagte Leonhard und verschluckte sich ein wenig. Er hatte die rettende Idee: Er begann zu husten. Er hustete und hustete, wie er noch nie zuvor gehustet hatte, die Witwe zog ihren Fuß zurück und beugte sich besorgt vor: Soll ich Ihnen ein Glas Wasser kommen lassen? Danke, sagte Leonhard und überließ es ihrer Interpretation, ob er ein Signal der Zustimmung oder Ablehnung hatte geben wollen. Ihm liefen Tränen aus den Augenwinkeln und bald auch aus den Nasenlöchern, aber er fing sich langsam wieder. Er nahm seine Serviette und wischte sich die bratensoßigen Hände ab. Kurze Zeit später suchte er die Toilette auf. Als er zurückkam, fand er die Witwe dabei vor, wie sie ein Vanilleeis mit heißen Himberen löffelte. Geht es Ihnen besser? erkundigte sie sich mit einem Lächeln, das ihn in seiner Unschuld an frisch gefallenen Neuschnee erinnerte. Oh ja, sagte Leonhard. Viel besser. Wir werden danach noch zu mir Kaffetrinken gehen. Kommen Sie mit? Ich weiß nicht, sagte Leonhard. Kommt die Familie auch mit? Er schaute sich mit leicht besorgten Blick am Tisch um. Hoffentlich nicht, sagte die Witwe. Die Familie verabschiedete sich bald. Die Kinder hatten ihr Schokoeis gegessen, die Tanten ihr Täßchen Kaffee getrunken, die Männer liefen über den Parkplatz auf die dicken Familienkutschen zu und brachten ihre gebrechliche Fracht auf dick gepolsterten Sitzen zurück ins traute Heim. Die Witwe schüttelte Hände und bedankte sich bei allen. Dann kam sie zurück in die Gaststube. Gehen wir? fragte sie. Und als sie gingen, summte sie leise vor sich hin: Es ist der allerbeste Wein, Macht lustig mich zu singen. Am nächsten Tag saß Leonhard wieder auf seinem angestammten Arbeitsplatz im Betrieb. Frau Schneider sah aus, als sei sie stark erkältet, als sie die Post in sein Büro brachte. Der Platz, an dem Grasbach gearbeitet hatte, war noch immer leer, aber bald würde es eine Ausschreibung geben und ein neuer Mitarbeiter würde eingestellt werden. Ein anderer wird dann Grasbachs Arbeit übernehmen. Erst wäre er fremd, dann würde man sich an ihn gewöhnen und bald wäre es so, als sei Grasbach nie dagewesen. Frau Schneider wird irgendwann nicht mehr aussehen, als sei sie erkältet, der Bach-Chor findet einen neuen Bassisten und auch die Witwe wird irgendwann keine mehr sein, vielleicht schon bald, sehr bald. Dieser Text entstand Ende November im Rahmen des DADA and DALI AWARD 2005 für Erotische Tischgeschichten. |